Rune Bergmann, international gefeierter Dirigent und Musikprofessor, ist ein Hüne, ein echter Wikinger mit Riesenhänden. Er entert das Dirigentenpodium - und dann formulieren seine Hände filigran Feinfühliges, entwickelt sein ganzer Körper die notwendigen musikalischen Gesten für das Orchester. Ein Gewinn für die interessierten Musikerinnen und Musiker der Philhannonie Südwestfalen, die neugierig auf Gastdirigenten und die Erfahrungen mit unterschiedlichen Stilen sind.

Bergmann hat seine Kunst in Helsinki und Stockholm studiert und lehrt sie nun mit einer Gastprofessur an der Universität Oslo. Der im Januar 1976 geborene Dirigent, in den letzten beiden Jahren mit drei renommierten Musikpreisen geehrt, wird - ganz aktuell - neuer Erster Kapellmeister des Theaters Augsburg. Er legt einen Schwerpunkt auf Neue Musik und die Zusammenarbeit mit Jazzmusikern, wie dem Saxofonisten Jan Garbarek oder dem Trompeter Hakan Hardenberger. Er dirigierte im ausverkauften Apollo die musikalisch fein obertonig oszillierende, fast sphärische Komposition "Cantabile per archi" des 1946 geborenen Letten Petens Vasks. Das 1976 entstandene Stück des seinerzeit in der Sowjetunion ethnisch verfemten Komponisten, voller Melancholie, dynamischer Kluster und schillernder Klangfarben ist ideal für den gerade für seine dynamische Bandbreite beliebten Klangkörper Philharmonie Südwestfalen.

Mit dem Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 47 des finnischen Komponisten Jean Sibelius, dessen Solopart Evgenia Gelen übernahm, begeisterten Rune Bergmann und das spielfreudige Orchester vollends: Gelen, 1974 in Taschkent geboren und seit 2010 Erste Konzertmeisterin des Ensembles, erspielte sich mit hoher Professionalität und sensibler Souveränität die Sympathie des Publikums, die sich am Ende der dreisätzigen Komposition durch fast frenetischen Applaus und einigen Bravo-Rufen Bahn brach. Die schon in ihrer frühen Jugend über ein Dutzend Mal mit Preisen ausgezeichnete Violinistin spielte mit leidenschaft und großer Geste das 1903 komponierte und, nach misslichem Erfolg, ein Jahr später überarbeitete Virtuosenstück, das sich nicht so sehr nach skandinavien-typischer dunkler Schwere, sondern nach Pariser Fin-de-Siècle-Chic anhört - und die Grenze zum exzentrischen Pathos mehr als einmal überschreitet.

Nach der Pause gaben Bergmann und die Philhannonie Südwestfalen noch "Tristan und Isolde" (Vorspiel und Liebestod) von Wagner und die mit der Welt versöhnende Fantasie-Ouvertüre "Romeo und Julia" von Tschaikowsky. Das unglücklich veranlagte Kompositionsgenie, das unsterbliche Melodien und Themen erfunden hat, musste sich ja mit der dramatischen Geschichte um eine Liebe, die von der Gesellschaft geächtet wurde und tragisch endet, identifizieren - und herausgekommen ist Musik, die fast nicht von dieser Welt erscheint. Die Künstler und Künstlerinnen des musikalisch überzeugenden Konzertes wurden mit unzähligen Vorhängen vom Publikum gefeiert.

Siegener Zeitung 23 Jan 2012



Begonnen hatte der Abend mit einem 1979 geschaffenen Werk "Cantabile per archi" des lettischen Komponisten Peteris Vasks (*1946): Volksliedreminiszenzen in eingängigen Konsonanzen wurden nach und nach mithilfe der übernommenen Musiksprache der europäischen Avantgarde in ein sehr meditatives Konzept umgeleitet.

Nach der Pause zwei Werke über verfehlte Liebeserfüllung: Richard Wagners Vorspiel und Liebestod aus "Tristan und Isolde" gewann unter der einfühlsamen Leitung des norwegischen Gastdirigenten viel Kontur bei sehr differenzierter Klangentfaltung, welche die musikalische Erlösung im Transzendieren des Irdischen ahnen ließ.

Zum Schluss dann doch noch Rückwendung in russische Klangwelten, wenn auch im Geiste der Europäisierung, was ja zum Thema "Romeo und Julia" passt. Viel Dramatik, viele Melodramatik, starke Seelengemälde - wenn auch leider die Eindrücke von Tristan und Isolde überdeckend. Aber so ist das im Nacheinander des Konzertablaufs. Das Publikum belohnte mit Beifall Musiker und Dirigent.

Westfälische Rundschau 23 Jan 2012



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