Der Bergführer geht auf dem Gipfel Simon Gaudenz verabschiedet sich vom Orchester Collegium Musicum Basel, das dem Dirigenten enorme Fortschritte verdankt.
Eigentlich will er lieber die Musik sprechen lassen. Aber dann richtet Simon Gaudenz doch ein paar Worte ans Publikum, Worte zum Abschied, zum Ende seiner Zeit in Basel. Dabei findet er ein sehr schönes Bild, um sein Selbstverständnis als Dirigent zu beschreiben. Er versteht sich nicht als Chef, sondern als Primus inter pares. Als Bergführer, der die schönen Blumen am Wegrand aufzeigt und gemeinsam mit dem Orchester den Gipfel erklimmt. Dieses Bild vom Dirigenten als Bergführer passt wunderbar auf Gaudenz' Abschiedskonzert im Stadtcasino. Denn Bruckners Vierte ist ein sinfonischer Gipfel an Größe und Orchesterpracht, ein monumentales Massiv, das der Basler Dirigent in seinem letzten Konzert am Pult des Collegium Musicum Basel erklomm. Nach sieben Jahren verlässt Gaudenz, seit dem Gewinn des Deutschen Dirigentenpreises 2009 auf dem Sprung zu einer internationalen Karriere und europaweit ein vielgefragter Gastdirigent, das Basler Orchester, das er mit großem Enthusiasmus, klaren Klangvorstellungen und neuen Ideen enorm vorangebracht hat.
Das Programm, mit dem sich Gaudenz von Basel verabschiedete, ist sehr symbolträchtig. Denn vor dem gewaltigen Gipfelsturm mit Bruckners vierter Sinfonie, der "Romantischen", standen ruhigere, leisere, der romantischen, zutiefst poetischen Stimmung gewidmete Werke für Chor und Orchester: Brahms "Schicksalslied" und Schumanns "Nachtlied", Werke von lyrischem Gehalt, Geistestiefe und atmosphärischem Klangzauber, der auch Momente der Stille, des nach innen Horchens erlaubt. Solche Musik liebt Simon Gaudenz, der so gar nicht den Pult-Star mit exaltierter Allüre herauskehrt, sondern sich in seinen fließenden, geschmeidigen Bewegungen und Taktstock-Zeichen als sympathisch uneitle, ganz in der Musik aufgehende Dirigentenpersönlichkeit zu erkennen gibt.
Brahms "Schicksalslied" auf ein Gedicht von Hölderlin hebt zart an, besingt die Welt der Götter, die auf die Menschen herabschauen, auf das rastlose Treiben der Menschen. Eindrücklich werden diese Welten, das Schwebende, Lichtvolle, Klare der Götterwelt und das Rastlose des leidenden, suchenden, fallenden Menschen, im Chor- und Orchesterklang dargestellt. Schumanns Hebbel-Vertonung "Nachtlied" wird zur wunderbar subtil ausgemalten atmosphärischen Beschwörung der Nachtstimmung, des nächtlichen Naturerlebnisses von Lichtern und Sternen, Dunkelheit und Erlösung. In schöner Balance von Chorstimmen und Orchesterfarben erklingt dieses Nachtlied. Gaudenz lässt dieser tiefpoetischen Musik Zeit zum Atmen, bringt sie behutsam zur Entfaltung. Das Collegium Musicum Basel und die Sängerinnen und Sänger der Kantorei St. Arbogast Muttenz, des Kammerchors des Gymnasiums Muttenz und des Kammerchors Notabene, folgen seinen Intentionen mit fein ausgehörtem, romantisch tönendem Chorgesang und Orchesterklang. Große Sinfonik, große Dimension, volles Orchestertutti mit kolossaler Klangentfesselung dann in Bruckners Vierter. In dieser "Romantischen" in der zweiten Fassung von 1878/80, imponiert Gaudenz mit großem Atem für die dynamische Wucht der Steigerungen und Aufschwünge und mit bewundernswertem Gespür für das Ausmalen romantischer Stimmungs- und Naturbilder. Er dirigiert diesen Bruckner erfreulich unpathetisch. Sehr differenziert in der Dynamik lenkt er den mächtigen Orchesterapparat durch die Höhen und Tiefen der vier Sätze.
Großartig gespielt von der imponierend besetzten Bläserriege sind die prägnanten, signalhaften Hornklänge, die immer wieder Assoziationen an Waldromantik wecken, aber auch die erhabenen Bläserchoräle, die Rufe von Posaunen und Trompeten, die imitierten Vogelrufe. Die Präsenz und brillante Sicherheit der Bläser ist ebenso beeindruckend in dieser Bruckner-Interpretation wie das Großaufgebot an Streichern. So entfaltet sich im zweiten Satz mit seinen choralartigen Passagen ein warmer, opulenter, großbogiger, weit ausschwingender Brucknerklang. Die Größe des Dirigenten und das Leistungsvermögen und die Qualität seines bestens instruierten Orchesters zeigt sich auch darin, wie sie die Klangflächen gestalten, wie sie das Scherzo mit seinem vorantreibenden, jagenden Bewegungsimpuls angehen und mit welch grandioser Klangwirkung und Entfesselung aller orchestraler Kräfte die wuchtigen Steigerungen im Finalsatz aufgebaut werden bis zum triumphalen Jubel. Die Basler im vollbesetzten Stadtcasino verabschieden Simon Gaudenz, den sie nur schweren Herzens ziehen lassen, mit stehenden Ovationen.
Badische Zeitung, 24 May 2011
Kontrolliert stürmisch
In seiner vierteiligen Reihe «Klassik hat Zukunft» stellt das Tonhalle-Orchester Zürich vier junge Dirigentinnen und Dirigenten vor, alle Anfang dreissig. Als zweiter debütierte der in Basel geborene Simon Gaudenz beim Orchester seines Lehrers David Zinman. Dass er beim Chefdirigenten des Tonhalle-Orchesters studiert hat, ist ihm anzusehen; manches scheint einem da vertraut, nur ist es «seitenverkehrt», denn Gaudenz ist Linkshänder und führt den Taktstock links. Kräftig und fulminant sein Beginn mit Rolf Liebermanns immer noch umwerfendem «Furioso» (1945) für grosses Orchester, mit dem er an den hundertsten Geburtstag des bedeutenden Schweizer Komponisten erinnerte. Exzellent, wie Gaudenz die Affinität Liebermanns zum Jazz herausarbeitete und auch im ruhigen Mittelteil die Anklänge an die Jazz- Harmonik sinnlich genoss. Farbenprächtig und gediegen nach der Pause die Ballettmusik «La Nri» von Paul Dukas. Bela Bartoks «Tanz-Suite» erklang zum Schluss mit einer die Hörer unmittelbar ansprechenden, plastisch durchgeformten Gestik und musikalisch inspiriert dirigiert.
Dazwischen gab es ein grosses, perfekt gestaltetes Umbau-Solo der beiden Orchesterwarte Bernard Federli und Martin Kozel, dann stand der Flügel bereit für die zweiundzwanzigjährige französische Pianistin Lise de La Salle, die vor allem das virtuose russische Repertoire liebt, sich mit Genuss und Spielfreude in ein Werk hineinbegibt und kommunikativ den Kontakt zum Orchester pflegt. Sergei Rachmaninows vollmundige Rhapsodie über ein Thema von Paganini op. 43 war bei ihr in besten Händen; grossartig, wie sie die unterschiedlichen Charaktere der Variationen zeigte und daraus ein Ganzes aufbaute. Ein höchst unterhaltsamer Abend. Und selbst in der Pause horchte man auf: Der verstimmte Gong, der zum zweiten Teil ruft, ist nämlich einer kurzen, glockenreinen Melodie gewichen. Tonhalle-Solohornist Mischa Greull hat auf seinem Alphorn das berühmte Alphorn-Thema aus Brahms' erster Sinfonie aufgenommen, welches der Komponist 1868 auf einer Schweizer Bergwanderung transkribiert hatte.
Alfred Zimmerlin Neue Zürcher Zeitung, 3 Sep 2010
Wie ein rein "klassisches" Programm elektrisieren kann! Das zeigte Nordwestdeutsche Philharmonie Herford und präsentierte sich diesmal als deutlich verjüngter Klangkörper unter der Leitung von Simon Gaudenz.
Da stoben schon eingangs die Funken aus Serge Prokofjews "Symphonie classique". Wie amüsant verfremdet wird da Haydn’sches Material, wie gezielt ließ Gaudenz die überraschenden Wendungen aufblitzen, wie transparent Larghetto auffächern. Selbst der kurzen Gavotte verlieh Gaudenz durchaus eigenständige Akzente und begeisterte mit dem quirlig servierten Finale nach bereits kaum 15 Minuten.
Ein weiterer Höhepunkt am Donnerstag (4.3.) im Großen Festspielhaus: "Das" Klarinettenkonzert, Mozarts KV 622, bestach vor allem ob der verblüffenden Interpretation von Sebastian Manz. Er ist ein Schüler von Sabine Meyer und hat erst vor zwei Jahren den renommierten ARD-Wettbewerb gewonnen. Er spielte, nein, er lebte mit dem Bassettinstrument in seinen Händen jede noch so kleine Nuance des Werks. Er kostete Mozarts kontrastierend durch alle Register geführten Gedanken aus - und hat sie an den Nahtstellen zu Tutti-Einsätzen quasi mit improvisierten Nachspielen ergänzt.
Vom Orchester beflügelt begleitet, wusste Manz sich mit nahezu überirdischem Pianissimo in das Adagio hinüber zu singen. Lang ließ er die den Zauber in der atemlosen Stille des Auditoriums nachklingen - bevor er sich spritzig virtuos in die Arabesken des Rondos stürzte. Ohne Übertreibung: eine ausgereifte Wiedergabe, die in Erinnerung bleiben wird!
"Klassik" war endlich auch wieder einmal die Orchesteraufstellung: erste Violinen links, dahinter Celli und Kontrabässe; zweite Geigen und Bratschen zur Rechten des Dirigenten.
Mit Ludwig van Beethovens "Siebter", ebenfalls in A-Dur, gelang der Nordwestdeutsche Philharmonie Herford ein weiterer "Kantersieg": Man folgte den Metronomangaben, bewusst pulsierend schon von der Einleitung her. Und trotz der Einhaltung aller vorgeschriebenen Wiederholungen wurde diese Wiedergabe zu einer der hierorts kürzesten - und kurzweiligsten: So wurde dem fast nahtlos in einem Sog angefügten Allegretto jedweder Anflug von Traurigkeit ausgetrieben. Die beiden letzten Sätze gerieten überhaupt zu einem mitreißenden Gipfelsturm.
Horst Reischenböck Drehpunkt Kultur Salzburg, 10 Mar 2010
Gidon Kremer faszinierte die Heidelberger beim 5. PHILHARMONISCHEN KONZERT in der restlos ausverkauften Stadthalle! Schumanns Violinkonzert galt lange als unspielbar, als Werk eines besessenen Komponisten, der kurz vor der Einlieferung in eine Anstalt steht. Kremer räumte mit all den Vorurteilen und Missverständnissen, die sich um das Werk ranken, auf. Passagen waghalsiger Fingerfertigkeit verweben sich mit tief empfundener Lyrik und schließlich tänzerischen Elementen zu einem aufrüttelnden Werk voll Modernität, Virtuosität und schillernden Kontrasten. Kremer arbeitete dieses Spektrum klug und detailreich heraus – durch runden, betörenden Klang schmeichelnd. Mit George Rochbergs Capriccio-Variationen wählte Kremer eine Zugabe, die durch ihre fast schon absurde Virtuosität den Atem Stocken ließ.
Eine sensationelle Entdeckung ist Dirigent Simon Gaudenz. Nicht umsonst gewann der 35-Jährige 2009 mit dem Deutschen Dirigentenpreis die höchstdotierte Auszeichnung für Dirigenten in Europa. Seine überwältigende Interpretation von Dmitri Schostakowitschs 6. Symphonie zeigte die Heidelberger Philharmoniker in Bestform. Die groteske Zusammenfügung disparater Sätze in dieser Symphonie, in der Schostakowitsch seiner Verzweiflung über die Zuckerbot-und-Peitsche-Mentalität des sowjetischen Regimes in den 1930ern Ausdruck verleiht, konnte sich unter dem flammenden Dirigat von Gaudenz seine ganze Wirkung entfalten: Melancholisch, perspektivenlos und wehmütig singen vereinsamte Bläser (beachtliche Soli der Philharmoniker!) ihre Lieder über karge Orchesterklänge im ersten Satz. Im zweiten greift brachialer Übermut um sich, eine übersteigerte, ironische Ausgelassenheit mit Tanzcharakter, bevor im dritten ein tobendes Bacchanal keinen Zweifel mehr daran lässt, dass ein großes Maß an Verzweiflung in ihm steckt.
Nicht zu vergessen sind György Ligetis Ramifications (Verzweigungen), die Gaudenz zu einem feinstens ausbalancierten Klanggewebe flocht. Die Philharmoniker bewältigten das mit Vierteltönen komponierte Werk voll Präzision und Spielfreude.
24 Feb 2009
Philharmoniker Glänzten Unter Simon Gaudenz Voller mitreißender Dirigierlust
Seit Anfang dieses Jahres gehört er als Gewinner des Deutschen Dirigentenpreises zu den Besten in Europa. Jetzt zeigte der Schweizer Simon Gaudenz mit den Nürnberger Philharmonikern, warum das so ist. Mit Rachmaninows selten gespielten Sinfonischen Tänzen lieferte er in der Meistersingerhalle ein Bravourstück für mitreißende Dirigierlust und erntete prompt ausdauernden Beifall. Imponierend.
Gaudenz dirigiert mit Links, das ist ungewöhnlich und für die Musiker sicherlich gewöhnungsbedürftig. Doch er tut dies mit vollem, höchst anmutigem Körpereinsatz, als gelte es, die Rachmaninowsche Klangfülle vorzuleben, oder besser: vorzutanzen. Raumgreifend sind seine Bewegungen, damit alle vom Primgeiger bis zum letzten Kontrabassisten unablässig ins Spiel gezogen werden, damit selbst kleinste Nuancierungen ausgespielt werden, damit kein Notenteilchen verloren geht.
Es wirkt schon beeindruckend, wie Gaudenz mit kreisenden Armen das musikalische Geschehen zum Laufen bringt, wie er dem 2. Satz groteskes Walzerleben einhaucht, wie er feine Pianoschattierungen herausarbeitet, sie mit detektivischem Spürsinn hervorlockt, damit der gewaltige Gesamteindruck des opulenten Kraftwerkes nicht eindimensional ausfällt.
So lässt er die von ihm höchst inspirierten Philharmoniker zur Nachtzeit behende durch Manuel de Fallas Spanische Gärten tanzen, geheimnisvoll und sinnlich. Der gerade 27-jährigen lettischen Pianistin Lauma Skride bietet der iberische Gartenzauber nur begrenzten Virtuosenraum, so fügte sie Gaudenz fürsorglich und äußerst homogen in die impresionistischen Stimmungsbilder. Perfekt.
Ute Missel Abendzeitung, 23 Nov 2009
Nächtlicher Gang durch spanische Gärten
Dirigentenhoffung aus der Schweiz: Simon Gaudenz leitete Nürnberger Philharmoniker
Der Basler Gastdirigent Simon Gaudenz - erst in diesem Jahr mit dem Deutschen Dirigentenpreis bedacht - behielt nicht nur glasklar die Übersicht M den impressionistisch flirrenden, motivisch vielfältig aufblühenden "Danzas Fantasticas" und "Noches en los Jardines de Espanias" (Nächte in spanischen Gärten). Er zauberte auch in den einzelnen Instrumentengruppen.
Die Holzbläser konnte man lange nicht Mehr so sprechend hören, so zugewandt und das mit solch weicher, blumiger Note. Die Streicher: Groß besetzt - und dabei von angemessener Schlankheit und ausgewogener Eleganz. Oder die Perkussion: Kein Glockenschlag bauscht sich da auf, um den Raum zu weit zu besetzen. Weit angelegte Spannungsbögen entdeckt der vielfältig ausgebildete Leiter des- Collegium Musicum Basel und international gefragte Gastdirigent auch dort noch m der Tiefe, wo viele, einzelne Motive eigentlich munter in die Breite sprießen.
Quirlige Lebendigkeit statt starrer Regiearbeit vom Pult: Das Ergebnis wirkt, als wüchsen dem Orchester förmlich Flügel. Da nehmen die weichen, tänzerischen Schwünge fantastisch an Fahrt auf, ohne die magisch flimmernde; orientalisch angehauchte seltsam zeitlose Atmosphäre zu vergessen. Exaltacion - Begeiste-, rung - Ensueno - Traum - Orgie - Orgie: Zu diesen drei andalusisch und impressionistisch gefärbten "Danzas" fügten sich die ebenfalls dreigeteilten "Nächte in spanischen Gärten" für Klavier und Orchester von Manuel de Falle. Solistin Lauma Skride gestaltete ihre aufbrausen den, virtuos gepreizten, andalusischen Kurzskizzen mit souveräner Hand - und fügte sich ins Meer der Einzelstimmen, um jede folkloristische Übertypisierung der harschen, kantigen Rhythmik zu umschiffen.
Nach den beiden vom Meistersingerhallen-Publikum begeistert aufgenommenen spanischen Werken luden Rachmaninows abgründige, vermächtnishafte "Sinfonische Tänze" zum Schwelgen ein. Die heillose Ambiguität zwischen scheinbar salonhafter Architektur und einer abgezirkelten, durchdringenden, gnadenlos zornigen Expressivität kam dem schwungvoll agierenden, hochgewachsenen Schweizer am Pult gerade recht. Nach diesem herausragenden Abend bleibt nur zu wünschen, dass man den kommenden Dirigentenstar in Nürnberg bald wiederhören kann.
Nürnberger Nachrichten, 23 Nov 2009
Philharmoniker auf der spanischen Welle
Wie gut frischer Wind den kon servativen Programmen der Philharmonischen Konzerte bekommt, war im zweiten Konzert der Philharmoniker mit "Ausflügen ins Traumland des- Unbekannten" zu erleben. Am Pult stand der Basler Simon Gaudenz, wahrlich ein Meister seines Fachs, ein akkurat den Stab führender Moderator, dem das Orchester mit rhythmisch vibrierendem Spiel folgte.
Wer ist Joaquin Turina?
"Danzas fantasticas" op. 22 von Joaquin Turina? Die mögen fündige Neujahrskonzert-Veranstalter zwar aus der Truhe zaubern. Doch für viele ist der Komponist halt ein Mr. Unknown. "Danzas" leuchten in spanischer Folklore, mischen impressionistische Effekte mit stereotyp wiederkehrenden Rhythmen, was den gut aufgelegten Philharmonikern zu einem muntermachenden Auftakt verhalf.
Und auf spanischer, Welle wurde weiter brilliert mit "Nächte in spanischen Gärten", Manuel de Fallas wohl populärstem Werk, ein Chef d'oeuvre der vor kurzem verstorbenen spanischen Pianistin Alicia de Larrocha.
Drei Sätze sind der neuen französischen Schule, besonders aber den "spanischen" Werken Maurice Ravels und Claude Debussys verpflichtet. Lauma Skride (27), die aus Lettland stammende international etablierte Pianistin, gab den Soli der Komponist integrierte sie zur Gänze in den Orchesterpart - Eleganz und Sensibilität. Organisch flossen die leuchtkräftigen orchestralen Farben und der dezente Klang des Klaviers ineinander. Nur hätte das spanische Kolnrit in den Turbulenzen der "Gärten des Berglands von Cördoba", eine kantigere Artikulation vertragen.
Mit einem Paradestück, den "Sinfonischen Tänzen" von Sergej Rachmaninow, ging das Konzert zu Ende. Wie brillant, und farbreich gelang dem Komponisten doch die Instrumentation tion: die Kontraste zwischen lyrisch-kantablen Passagen, Motiven aus der russischen Kirchenmusik im Eröffnungssatz und der in eine schwerinütig schaurige Stimmung umschlagende dritte Satz nebst "Dies irae"- Anspielungen.
Die Philharmoniker gaben diesem Wechsel der Stimmungen klare Konturen ein schöner. Beweis, wie inspirierende Pultarbeit orchestrales Engagement zu entfalten vermag.
Egon Bezold Nürnberger Zeitung, 23 Nov 2009
Kommunikator mit großer Mahler-Liebe
Strawinsky hat ihm Glück gebracht. Mit seiner Interpretation des "Feuervogels" gewann Simon Gaudenz den Deutschen Dirigentenpreis 2009. "Ich war ganz glücklich mit Strawinsky und hatte ein gutes Gefühl", beschreibt der junge Basler Dirigent den Moment seines großen Triumphs im Berliner Konzerthaus, wo er sich im Finale gegen zwei Mitbewerber durchsetzte. So einen international renommierten Preis zu holen und Spitzenleistung vor einer hochkarätigen Jury zu bringen, "das geht nur, indem ich das nicht als Wettbewerb betrachte. Man kann nur erfolgreich sein, wenn man sich auf die Musik konzentriert und nicht ständig im Hinterkopf hat, besser sein zu müssen als andere", sagt der 34-Jährige, den der Erfolg an die Spitze der jungen Dirigentengeneration katapultiert hat, "aber eine gewisse Nervosität war mir gerade recht, denn je mehr Anspannung desto mehr positive Energie".
Der Gewinn des mit 15 000 Euro dotierten Deutschen Dirigentenpreises hat einiges bewegt in Gaudenz' Leben und Karriere. "Die Wirkung ist in der Tat grandios, viel größer, als ich mir das gedacht habe", erzählt der sympathisch uneitel wirkende Schweizer mit dem lockigen schwarzen Haar, der mit der Tram zum Gespräch in ein Basler Café gekommen ist und so gar nicht den gefeierten Shootingstar herauskehrt, um den sich jetzt alle reißen. Nach seinem ersten Preis im Internationalen Dirigentenwettbewerb Gennady Rozhdestvensky 2006 in Sofia sei die Wirkung "noch relativ bescheiden" gewesen. Nun aber stehen dem Basler Dirigenten viele Türen offen, auch international. Jeden Tag gehen neue Anfragen und Angebote bei ihm ein, die er in aller Ruhe sondieren will. Der Terminkalender, der für die nächste Zeit ohnehin schon voll ist, füllt sich rasant. So gefragt zu sein, findet der "Maestro von morgen" – als solcher steht er auf der Künstlerliste des Deutschen Musikrats – schon "eine sehr schöne Sache. Aber es geht mir weniger darum, jetzt von null auf hundert eine Karriere zu starten, sondern einen Schritt nach dem anderen zu machen".
Gerade war Simon Gaudenz einige Tage in seiner Heimatstadt, weil er als "Einspringer" ein AMG-Konzert des Sinfonieorchesters Basel dirigierte, mit Werken von Rimski-Korsakow, Debussy und Ravel. Und natürlich haben ihn die Basler gefeiert. "Über mangelnden Zuspruch kann ich mich hier nicht beklagen", so Gaudenz, der seit 2006 in München wohnt – wegen seiner Frau, die Geigerin im Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist. Zuvor hat er zwei Jahre in Berlin gelebt und unter anderem in Freiburg und am Mozarteum Salzburg studiert. Begonnen hat er seine Musikerlaufbahn als Klarinettist, doch die Klarinette hat er längst weggelegt, einen "klaren Schnitt gemacht" und sich für das Dirigieren entschieden.
Seit 2004 ist er künstlerischer Leiter des Collegium Musicum Basel und schätzt diese kontinuierliche Zusammenarbeit sehr: "Ich habe da große künstlerische Freiheit und bin keinen Zwängen verpflichtet." Als Chefdirigent ist es ihm ein Anliegen, Orchester wie Publikum durch geschickte Programmwahl "ganz behutsam an Neues heranzuführen". Als nächstes wird der frischgebackene Preisträger am 14. März wieder in Basel sein Vor seinem "Heimspiel" dirigiert er noch in Dänemark, wo unter anderem Elgars Cellokonzert auf dem Programm steht. Gaudenz genießt es, als Gastdirigent international unterwegs zu sein – so stand er schon am Pult des Sinfonieorchesters des Bayerischen Rundfunks ("das beste Orchester, mit dem ich gearbeitet habe"), des Tonhalle-Orchesters Zürich, des Orchestre National de France, des Orchestre Philharmonique de Strasbourg und anderen – , "denn jedes Orchester gibt einem neue Inspirationen". Doch mehr noch liegt ihm an der Kontinuität der Arbeit, wie sie nur ein Chefdirigentenposten möglich macht. "Sonst fehlt einem die Basis, etwas zur Reife zu bringen".
Die Jury des Deutschen Dirigentenwettbewerbs wertete nicht nur den Eindruck im Konzert, sondern auch die Probenarbeit und hob die kommunikativen Fähigkeiten von Gaudenz hervor. Er selbst sieht sich als "Kommunikator" im Orchester, der das Gespräch mit den Musikern sucht, und nicht als autoritären Taktstock-Herrscher, der von oben herab diktiert. "In der Sache bin ich schon streng und bestimmt", sagt der Linkshänder, der den Stab mit der linken Hand führt, "die Grundorchestererziehung liegt mir am Herzen. Das dient dem Aufbau und der Schulung des Klangs". In der Breite seines Repertoires gibt es drei Grundpfeiler, an denen Gaudenz konsequent arbeiten möchte: Beethoven, Poulenc, Mahler. Seine "ganz große Liebe" gehört Gustav Mahler, "dem ich mich sehr nahe fühle und der mich mein ganzes Leben begleiten wird". Auch Debussy und Ravel zählt er zu seinen "absoluten Favoriten".
Überhaupt fühlt sich Simon Gaudenz von Anfang an zur großen Sinfonik hingezogen. "Da ich eine ausgeprägte Vorliebe für Farben im Orchester habe, kommt mir ein großer Orchesterapparat entgegen". Unter den bedeutenden Dirigenten ist Daniel Barenboim sein Vorbild. "Mich fasziniert Barenboims Universalgenie in der Musik als Pianist und Dirigent, aber auch, wie er über die Musik hinaus denkt, politisch Stellung nimmt, sich philosophische Gedanken macht", begeistert sich Gaudenz, "das interessiert auch mich immer stärker, wie man von der Musik fürs Leben lernen kann".
Badishe Zeitung, 13 May 2009
Mahlers Kraft
Das Collegium Musicum Basel spielte unter Simon Gaudenz Mahlers Erste.
Kaum waren die letzten Töne von Gustav Mahlers erster Sinfonie verklungen, prasselte frenetischer Beifall los - und bald schon erhoben sich die begeisterten Zuhörer von den Sitzen und spendeten stehend ihre Ovationen. Dass das letzte Abonnementskonzert des Collegium Musicum Basel im Stadt-Casino so gut besucht war, lässt vermuten: Der Name Mahler ist und bleibt ein Publikumsmagnet.
Begonnen hatte das Konzert mit Mozart, mit der Sinfonia concertante Es-Dur KV 297b für Oboe, Klarinette, Horn und Fagott und Orchester. Es gehört zu der in der Frühklassik aus beliebten Gattung, die es den Solisten erlaubt, sich in Szene zu setzen. Hier wurde die Chance dem Oboisten Martin Fischer, dem Klarinettisten Antony Morf, dem Hornisten Jakob Hefti und dem Fagottisten Rui Lopes zuteil.
Der erste Satz war interpretatorisch nicht gerade ein Schmuckstück. Das Klangbild wirkte kleiner Unsauberkeiten und Ungenauigkeiten wegen zu gehemmt. Harmonischer und sorgsamer gestaltet hört sich der zweite Satz, Adagio, an. Mit Elan, tänzerisch und locker kam der dritte Satz mit dem prächtigen Variationen-Finale daher. Die zehn Veränderungen eines zweiteiligen Themas liessen Orchester und Solistenquartett zügig und dezidiert musizieren.
SEINE LEISTUNGSSTÄRKE durfte das nun deutlich vergrösserte Collegium Musicum Basel bei Mahlers Sinfonie Nr. 1 D-Dur («Titan») zeigen. Schon der Beginn weckte entsprechende Erwartungen. Unnachgiebig fordernd, zielgerichtet und präzis dirigierte Collegium-Chef Simon Gaudenz. Das Orchester wirkte gleich in den ersten Takten entschlossen, gesammelt und passioniert. Hier wurde Mahlers von Natur- und Wanderstimmung durchpulste Musik in ihrer Pracht entfaltet.
Die vier Sätze gewannen in Gaudenz' durchgestalteter Interpretation je ihr eigenes, werkgerechtes Gepräge - melodisch, dynamisch und emotional feinsinnig ausgelotet. Die abschliessen- denen, befreiend wirkenden kraftvollen Klänge können als Chiffren für das in der vergangenen Saison Geleistete und als positives Zeichen für die kommende gewertet werden.
Paul Schorno Badishe Zeitung, 11 Apr 2009
Vital und differenziert
Im Musiksaal des Basler Stadtcasinos trat als Geadelter vor seine Zuhörer: Die Rede ist von Simon Gaudenz, dem jungen Leiter des Basler Collegium Musicum, der vor gut einem Monat in Berlin den Deutschen Dirigentenpreis 2009 gewann. Für jeden Preisträger ist diese Auszeichnung eine Nobilitierung, dank derer er von nun an zur kleinen Schar von Dirigenten gehört, denen die großen Orchester offen stehen, und zwar weltweit. Die Jury unter dem Vorsitz von Lothar Zagrosek rühmte in ihrer Begründung Gaudenz' "musikalische Persönlichkeit", sein "großes körperliches Potenzial" und seine "kommunikative Kompetenz". Sah und hörte man nun Gaudenz Mozarts Pariser Sinfonie, die beiden Ouvertüren zur "Entführung…" und zu "Figaros Hochzeit" und die beiden Konzertarien "L'amerò, sarò costante" und "Bella mia fiamma, addio" dirigieren, wurde deutlich, dass die Jury die richtige Wahl getroffen hat.
Es ist beeindruckend zu hören und zu sehen, wie Gaudenz' mit präziser Zeichengebung (den Stab hält er in der linken Hand) die Musiker detailliert führt und dabei zugleich mit seinem von der Jury gerühmten großen körperlichen Potenzial ihr Spiel emphatisch auflädt und es doch nie aus der gedanklichen Kontrolle entlässt. Von Mozarts Musik hat Gaudenz klare Vorstellungen. Über den "Premier Coup d'archet" der Pariser Musiker in den Tutti-Eröffnungen ("da machen die ochsen hier ein weesen daraus!") machte sich der 22-jährige Mozart im Bericht an den Vater lustig, gleichwohl geht er in seiner Sinfonie auf "die ochsen" ein, übrigens mit dem Erfolg, dass die, "als sie das forte hörten, und die hände zu klatschen, war eins", doch noch zufrieden waren.
Gaudenz' Interpretation der Sinfonie ist von animierender Vehemenz und Entschlossenheit, dabei frei von jeglicher Forciertheit und sogar wunderbar kantabel im Mittelsatz. Gleiche Höreindrücke in den beiden Ouvertüren: Wiener- und Janitscharenmusik im Wechsel als fröhliche, fast übermütige Kontraste in der "Entführung", pulsierende Einstimmung auf das Singspiel, und im "Figaro" das Aufbegehren als unwiderstehliche Dynamik, die nichts aufhält. Gaudenz und sein Collegium machten das ganz vital und zugleich bewundernswert differenziert.
Die Sopranistin Barbara Bonney laboriert zur Zeit an einer Nebenhöhlenentzündung, dennoch war sie nach Basel gekommen und sang die beiden oben genannten Arien, verzichtete nur auf "Exultate, jubilate". Was ist über eine Sängerin zu notieren, bei der Vibrato, Artikulation und Timbre sich harmonisch vereinen und ergänzen? Die suggestive Kraft ihres Singens resultiert auch aus der Kraft ihres Ausdrucks. Wie sie das eher rhetorisch klingende Rezitativ "Bella mia fiamma, addio!" aller Rhetorik entkleidet, weil sie es gezielt emotional potenziert, indem sie alle Varianten ihrer stimmlichen Dynamik aussingt, das zu hören, war begeisternd. Einerseits das swingend Elegische in "L'amerò, sarò costante", andererseits der Vulkanausbruch im wiederholten "Quest'affanno, questo passo/ E terribile per me." Grandios gesungen – den entzündeten Nebenhöhlen zum Trotz! Enthusiastischer Beifall.
Badishe Zeitung, 3 Apr 2009
Ein Mann der Klangfarben
Das Dirigentenleben des Baslers Simon Gaudenz hat sich seit dem Gewinn des Deutschen Dirigentenpreises verändert. Er erhält mehr Einladungen von Orchestern.
Es war zu hören, als Simon Gaudenz im Musiksaal des Basler Stadtcasinos Nikolai Rimsky-Korsakov «Scheherazade» dirigierte (er stand als Einspringer dem Sinfonieorchester Basel vor): Gaudenz ist ein Mann der Klangfarben. Er will den Farbenreichtum, den ein Werk in sich birgt, zur Entfaltung bringen. Dies betont er auch im Gespräch mit der bz. «Wenn ich ein Orchester-Werk studiere, höre ich in mir, wie eine Beethoven- oder eine Mahler Sinfonie klingen sollte. Diesem Klangideal versuche ich im Konzert möglichst nah zu kommen. Manchmal gelingt das, manchmal fühle ich mich davon noch entfernt.» Dass sich seine Klangvorstellung und der reale Klang im Konzertsaal möglichst decken, ist sein künstlerisches Ziel. Wichtig sind ihm Qualität der Interpretation und die Aussage, die Kunst also, und weniger die Dirigenten-Karriere.
Und doch hat es einen Schub in der Karriere des jungen Dirigenten gegeben, nachdem er am 7. Februar dieses Jahres in Berlin den Deutschen Dirigentenpreis gewonnen hatte - mit Igor Strawinskys «Feuervogel»: «In den ersten Wochen hat mich jeden Tag mindestens ein Orchester als Gastdirigent eingeladen.» Er sei früher schon mit Engagements verwöhnt gewesen, nun erhalte er noch mehr Anfragen, sagt ein zugleich selbstbewusster wie bescheidener Gaudenz.
DER DEUTSCHE DIRIGENTENPREIS war auch nicht seine erste Auszeichnung, schon einige hat er erhalten. Zum Beispiel errang er 2006 den ersten Preis des «International Conducting Competition Gennady Rozhdestvensky». Und sein Name steht in der Künstlerliste «Maestros von Morgen».
Seit 2004/05 ist Gaudenz künstlerischer Leiter und Chef des Collegium Musicum Basel, in dem vor allem Musiklehrer aus den beiden Basel mitwirken. «Das Angebot kam gerade, als ich aus Basel weggezogen bin», erzählt der heute in München wohnende Gaudenz. So ist er Basel erhalten geblieben. Sein Wohnort wird durch seine Lebenspartnerin bestimmt: die Basler Geigerin Karin Löffler. Sie ist Mitglied des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (1. Geige), dessen Chef Mariss Jansons ist.
Als Gast dirigierte Gaudenz bereits viele Orchester in ganz Europa: das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Orchestre National de France, das Tonhalle-Orchester Zürich, das Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo sind nur einige davon.
Ursprünglich war Simon Gaudenz Klarinettist. Er gründete das ausgezeichnete Basler Ensemble «Camerata Variabile», dem er heute aber nicht mehr angehört. Er studierte Klavier und Komposition bei Dieter Ammann und Peter Benary und Dirigieren in Freiburg und am Mozarteum Salzburg. Dennis Russell Davies, der neue Chef des Sinfonieorchesters Basel, war einer seiner Lehrer.
GAUDENZ' ERFOLG mit dem Gewinn des Deutschen Dirigentenpreises lehrte ihn auch Nein zu sagen. Er müsse den Sinn dafür entwickeln, welches Werk wann für ihn das richtige sei, und was er gerade ablehnen müsse.
Sein Repertoire geht zurück bis zu Joseph Haydn und reicht bis in die Gegenwart. Opern und Operetten hat er nur wenige dirigiert. Das Herz des Mannes der Klangfarben schlägt vor allem für das sinfonische Repertoire und das Konzert.
Wenn sich dann im Konzert mit einem Mal etwas ergibt, das nicht geprobt worden ist, erlebt Gaudenz Glücksmomente. Das sei vor allem auch deshalb möglich, weil er das Verhältnis von Dirigent und Orchester als ein gegenseitiges Nehmen und Geben versteht. Ich lerne auch von den Orchestermusikern. «Doch für die grosse Linie der Interpretation, dafür bin natürlich ich verantwortlich.» In der Arbeit mit dem Orchester erkundet er dessen Klangcharakter, wo sein Potenzial liegt. Spielten die Berliner Philharmoniker Richard Strauss' «Heldenleben», klinge das auch heute so, als sei es für dieses Orchester geschrieben, merkt der Dirigent an.
Wie sind denn die Klangvorstellungen des Simon Gaudenz? Von Werk zu Werk, von Epoche zu Epoche unterschiedlich natürlich. An Beethoven versucht er sie zu erklären: Gaudenz ist geprägt von der Historisch Informierten Aufführungspraxis, liebt aber
den Klang der modernen Orchester. Er versucht beides miteinander zu verbinden. Er will den Originaltempi Beethovens möglichst nahe kommen, nimmt sich aber innerhalb der Sätze Freiheiten. Das tut er auch in der Klanggestaltung durch die Mittel der Artikulation und der Zeichnung der Farben.
VON DEN GROSSEN SINFONIKERN steht Gaudenz Mahler am nächsten. Er wünscht sich, mit einem Orchester das gesamte sinfonische Werk von Beethoven, Mahler, Bruckner, Schostakowitsch et cetera als Zyklus zu spielen: «Das eröffnet einem als Künstler ganz neue Welten.» Da kommt man als ein anderer heraus, als man hineingegangen ist, ist Gaudenz überzeugt.
Neben dem klassisch-romantischen und spätromantischen Repertoire sind ihm ebenso wichtig die Musik Rachmaninows, Debussys, Ravels, Messiaens und vieler anderer Komponisten des 20. Jahrhunderts. Gaudenz liebt den grossen Klangapparat. Auch darin erkennt man den Klangmaler. Und er arbeitet gerne mit heute lebenden Komponisten zusammen - allen voran mit dem Schweizer Dieter Ammann, der in diesem Jahr Composer in Residence des Festivals «les muséiques» in Basel ist. Gaudenz nennt weiter Henri Dutilleux, dann den Basler Martin Jaggi, den Deutschen Jörg Widmann.
Und wie lange ist der junge erfolgreiche Dirigent noch Chef des Collegium Musicum? «Wir bleiben so lange zusammen, als sich in unserer Zusammenarbeit noch etwas weiter entwickelt.» Gaudenz hat viel erreicht und will noch viel erreichen. Das Collegium Musicum, das ihm seine erste Chefposition gab, ist für ihn eine Herzensangelegenheit. Aber möglich ist, dass er zudem «eine Chefposition bei einem anderen Orchester» annimmt.
Christian Fluri Basellandschaftliche Zeitung, 14 Mar 2009
Der Sieger von Berlin dirigiert in Basel
Donnerstag Morgen: Mozart'scher Wohlklang erfüllt die spröde Kuspo-Halle in Münchenstein. Aber der Dirigent unterbricht schon nach drei Takten. «Neinein, bitte nochmals diese drei Takte, und jetzt mehr so ti-dara - ti-dara...» Simon Gaudenz hat klare Vorstellungen davon, wie die Mozart Sinfonie Nr. 31 KV 297 «Paris» zu klingen hat, die er morgen Samstag im Basler Stadtcasino dirigieren wird.
«Mozart ist immer ganz natürlich. Das verleitet uns Musiker sehr dazu, einfach seinen herrlichen Klang zu geniessen. In Wirklichkeit muss man aber in harter Arbeit die Inhalte herausholen», sagt der 34-Jährige, der Anfang Februar im Berliner Konzerthaus den höchstdotierten Dirigentenpreis Europas gewann Als «erstklassik» hatte die Jury seine Interpretation von Strawinskis «Feuervogel» bezeichnet. «Eine grosse Anerkennung», so Gaudenz - und eine grosse Karrierehilfe: Namhafte Orchester und Komponisten aus ganz Europa meldeten sich, machten ihm Angebote, unter ihnen sogar die Münchner Philharmoniker, ein international renommiertes Spitzenorchester.
Keine Frage: Gaudenz steht jetzt an der Schwelle zu einer grossen internationalen Dirigenten- Karriere. Bis Juli dirigiert er auch in Berlin, Lyon, Kopenhagen, Innsbruck, Luxemburg.
Wieder unterbricht Gaudenz sein «Hausorchester», das Orchester Collegium Musicum Basel, das er seit 2004 als Chefdirigent leitet. Im letzten Satz passen Bratschen und Violinen nicht zusammen. Gaudenz singt vor: «Ti-rada - ti-rada...» «Das Or chester weiss genau, wie ich es will», so Gaudenz, der die Problem-Passage mehrmals wiederholen lässt. Sonst aber drängt er rasch durch das Probe-Programm. Denn die Zeit ist knapp: für den Mozart-Abend vom Samstag gibt es nur vier Proben. «Und ich kann sehr pingelig sein», sagt er lachend.
Claude Bühler, Baslerstab, 13 Mar 2009
Junger Jupitersymphoniker Den Dirigentenpreis erringt ein Blitzeschleuderer
Mit einer Preissumme von 35 000 Euro ist der Deutsche Dirigentenpreis des Deutschen Musikrates, dank der BHF-Bank-Stiftung, der höchstdotierte Preis seiner Art in Europa. 15 000 Euro gehen an den Sieger, jeweils 10 000 Euro an die beiden anderen Finalisten. Am Samstag wurde der Preis nach dem entscheidenden Abschlusskonzert im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt vergeben. Zwei Stuhlreihen im Parkett waren mit Intendanten und Orchesterdirektoren des deutschsprachigen Raums besetzt, denn sechzig Opern- und Konzerthäuser arbeiten mit dem Dirigentenforum des Musikrates zusammen, um junge Ausnahmetalente zu fördern.
Der Musikratspräsident Martin Maria Krüger rief es in seiner launigen Rede noch einmal in Erinnerung: Auch Dirigenten nützt die höchste Begabung nichts, wenn sie nicht üben können. Dazu brauchen sie Orchester. Deshalb wurde 1991 das Dirigentenforum ins Leben gerufen, das mit einem mehrstufigen Fördersystem Dirigierstudenten deutscher Hochschulen unterstützt. Über Jahre nehmen die Stipendiaten an Meisterkursen teil, werden als Assistenten an die Großen ihrer Zukunft vermittelt, dürfen viele Orchester dirigieren. Die drei besten Stipendiaten dürfen sich dann der Wettbewerbsjury stellen.
Lothar Zagrosek, Jury-Vorsitzender und zugleich Chefdirigent des Konzerthausorchesters, moderierte das Finale, gratulierte seinem wahrhaft glanzvollen Orchester, weil es dreimal so gespielt habe, wie es dirigiert worden sei, und kommentierte den lebhaften Applaus des Publikums mit einem Spruch des Sachs aus Wagners „Meistersingern“: „Euch macht ihr's leicht, mir macht ihr's schwer“. Wer von den drei Bewerbern, alle zwischen Jahrgang 1973 und 1975, würde nun den Hauptpreis gewinnen? Die Koreanerin Shi-Yeon Sung, die mit weichen, kleinen Gesten, hoher Sensibilität und einer Begabung für weite, große Melodiebögen Peter Tschaikowskys Ouvertüre „Romeo und Julia“ dirigiert hatte? Oder eher Rasmus Baumann, ein erstaunlich metiersicherer Kapellmeister mit ganz klar definierten Anweisungen, der bei Richard Strauss' „Till Eulenspiegel“ beinahe jeden Einsatz auch durch Blickkontakt und ein freundliches Lächeln vorbereitete? Vielleicht aber auch Simon Gaudenz, der den Taktstock links hielt, Igor Strawinskys „Feuervogel“-Suite mit geradezu dämonischer Bewegungsarmut aus der Stille heranschleichen ließ, sich dann in tänzerischer Grazie hineinsteigerte und die Einsätze manchmal knapp und konzentriert wie Blitze aus der Wolke feuerte?
Musikalische Empfindsamkeit, schlagtechnisches Handwerk, charismatische Aura – dazwischen galt es, grob gesagt, sich zu entscheiden. In das Urteil der Jury aber ging mehr ein als der Eindruck des Konzerts. Auch die Proben waren beobachtet worden und damit die Art, wie die Bewerber sich den Musikern verständlich machten und ihre Ergebnisse ansteuerten. Die Wahl fiel schließlich auf Simon Gaudenz, verkündete Lothar Zagrosek, wegen seiner musikalischen Persönlichkeit, seines großen körperlichen Potentials und seiner kommunikativen Begabung
Jan Brachman, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09 Feb 2009
Frei geschwommen Simon Gaudenz gewinnt den Deutschen Dirigentenpreis
Dirigieren sei ein Anlernberuf über mindestens dreißig Jahre, hat Herbert von Karajan gesagt. Und Bruno Walter oder Sergiu Celibidache beklagten, dass ein angehender Dirigent nicht wie ein Geiger oder Flötist sein Instrument bei sich haben und daher jederzeit üben könne, daher sei es so, als ob einer im Trockenen schwimmen lernen wolle. Mancher der Großen träumte deshalb davon, ein eigenes Orchester zu gründen, um Dirigierschülern ausreichend Gelegenheit zu handwerklicher Praxis zu verschaffen.
Nun, die drei Kandidaten, die am vergangenen Samstag im Berliner Konzerthaus vor das Konzerthausorchester im Wettbewerb um den Deutschen Dirigentenpreis traten, sind keine Trockenschwimmer mehr. Mit 35000 Euro ist der Preis des Deutschen Musikrates die höchstdotierte Dirigentenauszeichnung in Europa, gesponsert von der BHF-Bank Stiftung. Shi-Yeon Sung, Jahrgang 1975, aus Korea stammend, hat diverse Preise gewonnen und ist seit 2007 "Assistant Conductor" von James Levine beim Boston Symphony Orchestra, sie hat auch schon vielfach in Deutschland dirigiert. Rasmus Baumann, 1973 geboren, ist schon Chefdirigent am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen und hat reichlich Erfahrung an deutschen Opernhäusern gesammelt. Endlich Simon Gaudenz aus der Schweiz, Jahrgang 1974, er ist Leiter des Collegium Musicum Basel, hat Preise gewonnen und gastierte schon bei Spitzenensembles wie dem Zürcher Tonhalle Orchester oder dem Orchestre National de France. Er hat unter anderem bei Dennis Russell Davis und David Zinman studiert.
Die Problematik eines Dirigierwettbewerbs formulierte der Juryvorsitzende Lothar Zagrosek und Chef des Berliner Konzerthausorchesters: Bei Pianisten oder Geigern könne man immerhin über richtige und falsche Noten befinden, doch der Stab klinge nicht von selbst. Die ausgewählten Finalisten wurden über zwei Jahre bei Proben, Konzerten und Workshops beobachtet, so dass nicht nur das Schlusskonzert allein entscheidet. Doch gilt am Ende, Preise hin, GMD-Posten her, das gesprochene Wort respektive das erklingende Stück hier und jetzt.
Shi-Yeon Sung dirigierte Tschaikowskys "Romeo und Julia"-Ouvertüre technisch versiert, mit Kraft, auch Detailfreude, aber allzu fest einem Konzept folgend, so dass sie das tatsächlich Erklingende wenig wahrnahm und dementsprechend unfrei agierte. Rasmus Baumann leitete "Till Eulenspiegel" von Richard Strauss zwar vital und mit lautstarkem Schwung, aber seine Gestik blieb etwas holzgeschnitzt. Von Raffinement, Klangfarbenregie und Witz dieses Orchestervirtuosenstücks war wenig zu hören.
Erst Simon Gaudenz, linkshändig den Stab führend, ging bei Igor Strawinskys "Feuervogel"-Suite wirklich auf das Orchester ein, fing an, den Klang zu strukturieren, erzeugte mit einfallsreicher Gestik, in der endlich auch Piano und Pianissimo deutlich wurden, einen tief gestaffelten Klangraum für Strawinskys Musik. Plötzlich tönte das Orchester farbig, vielschichtig, hatten die Gruppen musikalischen Bezug zueinander, wurde Glanz möglich. Man begann, aufeinander zu hören, weil Gaudenz selbst hinhörte und auf das Entstehende spontan einging, je freier er und damit seine Körpersprache wurden, was die prächtige Dvorak-Zugabe nach der Preisverleihung überzeugend bewies.
Aber: Simon Gaudenz ist ein hochbegabter Musiker, keinesfalls schon fertiger Meister. Manches Mätzchen für die Galerie, Unmotiviertes, auch Forciertes oder allzu rasch Gesteigertes zeigen, dass die alten Helden Recht behalten: Ein guter, gar ein großer Dirigent zu werden, erfordert nichts weniger als ein ganzes Leben.
Harald Eggebrecht, Süddeutsche Zeitung, 09 Feb 2009
Maestro Kurt Masur introduced and shared the podium with young conducting talent Simon Gaudenz in his debut concert with the Orchestre National de France on April 24, 2008 at the Theatre des Champs-Elysees in Paris. Kurt Masur first discovered Simon Gaudenz in 2006 in Bonn, at a seminar which Masur was leading on the art of conducting Beethoven. With the consent of composer Henri Dutilleux, Gaudenz conducted his striking piece contemplating the sorrows and evils of time passing, "The Shadows of Time". Below is a selection of reviews:
The New York Times:
The [Orchestre National de France] program opened with a ravishing account of a major 1997 work by Henri Dutilleux, "The Shadows of Time." ...in accordance with the suggestion of the composer, Mr. Masur invited the gifted young Swiss conductor Simon Gaudenz to lead "The Shadows of Time."
ConcertoNet.com:
Presque dix ans après sa création française, en ce même Théâtre des Champs-Elysées, sous la baguette de son dédicataire Seiji Ozawa, le 20 mars 1998, The Shadows of Time d'Henri Dutilleux est devenu un véritable classique des orchestres à travers le monde. Composé de cinq épisodes pour orchestre et trois voix d'enfants (ce soir remplacés, comme c'est souvent le cas, par la voix d'une soprano solo), cette large pièce orchestrale se veut avant tout un témoignage du traumatisme subi par les victimes de la Seconde Guerre mondiale. Le jeune chef Simon Gaudenz (né à Bâle en 1974) en assurait la direction. Après avoir notamment été pendant quatre ans directeur artistique de l'ensemble camerata variabile, il est actuellement chef d'orchestre principal du Collegium Musicum de Bâle. Force est de constater qu'il s'acquitte de sa tâche avec maestria, aidé par un Orchestre national exceptionnel. Doté d'une direction précise, attentif à la moindre intervention instrumentale, le chef veille parfaitement au bon équilibre des plans sonores et à la cohérence de l'œuvre. Si le premier mouvement Les heures manque de tension, l'orchestre fait, dans le deuxième, preuve d'une totale virtuosité, la cohésion des cuivres le disputant à la dextérité des bois. La soprano Amel Brahim-Djelloul, en revanche, déçoit. Perchée au premier balcon du côté des premiers violons, elle manque singulièrement d'émission et surtout de simplicité dans ce troisième passage (Mémoire des ombres) qui, dans l'esprit du compositeur, est dédié à Anne Frank et aux enfants innocents victimes de la barbarie nazie. La performance orchestrale explose de nouveau dans les Vagues de lumière et Dominante bleue ?, où les flûte et hautbois solo, d'une part, les trompette et cor solo, d'autre part, sont particulièrement sollicités... Le public fait un triomphe aux musiciens et au chef qui appelle généreusement Simon Gaudenz à ses côtés au moment des saluts.
Le Figaro:
...Masur avait laissé la baguette lotes assistant, le Suisse Simon Gaudenz, pour les Shadows of Time de Dutilleux. Ce jeune chef, qui tient sa baguette de la main gauche, fait preuve d'aplomb et de rigueur, même s'il demeure un peu raide et carré dans une musique autrefois magnifiée par la souplesse féline d'Ozawa. Il met toutefois en valeur la richesse d'orchestration, même si la nouvelle version pour voix de femme fait regretter la mouture originale où trois voix d'enfants apportaient une émotion plus poignante.
Der Schweizer Simon Gaudenz gilt als «Maestro von morgen». Ein Porträt.
Vertrauen in die Selbstfindung
«Es ist eigentlich ein glücklicher Zufall, dass ich Dirigent wurde», sagt Simon Gaudenz. 1974 in Basel geboren, nahm er in seiner Geburtsstadt Klavier- und Klarinettenunterricht, studierte Klarinette und machte an der Luzerner Musikhochschule das Solistendiplom. Das war im Sommer 2000. Danach ging nichts mehr. Gaudenz fasst sich, wenn er das erzählt, an die Kehle. Hier genau weigerten sich Nerven und Muskeln, weiterhin ihren Dienst zu tun. So, wie sie es für einen frischgebackenen Solisten hätten tun sollen. Gaudenz war vorher als Klarinettist in und mit verschiedenen Orchestern auf Tournee, spielte Uraufführungen und merkte in jenem Sommer: Klarinette ist es nicht. Er sagt: «Ich beschloss, sofort mit dem Dirigieren zu beginnen.» Das verstanden nur wenige.
Simon Gaudenz ging nach Freiburg im Breisgau. «In der Schweiz kann man eigentlich nicht dirigieren lernen», meint Gaudenz. «Das Land ist zu klein, und wenn man Pech hat, landet man am Schluss womöglich noch bei einem Laienorchester.» Er ist mit dieser Ansicht keineswegs alleine. Viele der heute berühmten Schweizer Dirigenten machten ihre Studien, teilweise sogar ausschliesslich, im Ausland. Deutschland, das Land der Orchester, ist da natürlich erstes Ziel. In Freiburg studierte Simon Gaudenz hei Scott Sandmeier. Später ging er zu dem Amerikaner Dennis Russel Davies ans Salzburger Mozarteum. Seine Studien schloss er mit Auszeichnung ab. Heute sagt er aber, er habe seine wichtigsten Impulse bekommen, als er zwei Jahre lang in Berlin lebte.
Mit seiner Frau, der Geigerin Karin Löffler, zog er für zwei Jahre dorthin. «Ich erinnere mich, wie Christian Thielemann eine halbe Stunde lang die probte ohne ein einziges Mal die Partitur aufzuschlagen», erzählt Gaudenz. Konnte man in den Proben in der Philharmonie «nur» im Publikum, also hinter dem Dirigenten, sitzen, so gibt es dort in den Konzerten auch die Möglichkeit auf dem Podium Platz zu nehmen. «Das ist, wie wenn man mitten im Orchester sitzen würde.» In dieser Zeit des Zuhörens und Schauens kristallisierte sich ein grosses Vorbild heraus: Daniel Barenboim. Dessen Gestik und Körperhaltung stehen Gaudenz, wie er sagt, sehr nah. Am meisten aber überzeugte ihn, dass Barenboim seine Interpretation auf die Harmonik abstützt. «Die Harmonik ist das Grundgerüst für alles», sagt er. Wenn die Musiker den harmonischen «Fahrplan» begriffen hätten, würden sie ganz anders spielen.
Seit 2004 ist Gaudenz Chefdirigent des Basler Orchesters Collegium Musicum. Jährlich sechs Konzerte gibt das Collegium, die meisten davon dirigiert der Chef persönlich. «Diese Erfahrung ist mit Gold nicht aufzuwiegen», erklärt er. Die Zeit als Chef habe ihm geholfen, souveräner zu werden, bessere Resultate in kürzerer Zeit zu erreichen. Ausserdem hat auch das Orchester von der kontinuierlichen Arbeit mit Simon Gaudenz sehr profitiert: Es ist klangsubtiler geworden, beweglicher und schlanker. Gaudenz ist längst nicht nur in Basel tätig. Auftritte stehen in nächster Zeit an mit dem Musikkollegium Winterthur, mit dem Städtischen Orchester des finnischen Mikkeli und mit den Bergischen Sinfonikern in verschiedenen deutschen Städten. Erfahrungen hat Gaudenz überdies schon in Malmö gesammelt als Assistent von Mario Venzago oder in Aspen (USA) an der American Academy of Conducting. Dies unter den Fittichen von Tonhalle-Chef David Zinman. Seit 2004 wird er zudem vom Deutschen Musikrat gefördert, der ihm Arbeitsphasen und Konzerte mit diversen deutschen Orchestern vermittelt. Auch Wettbewerbe hat Simon Gaudenz gewonnen. Zuletzt den 1. Preis des renommierten Gennady-Rozhdestvensky-Wettbewerbs im bulgarischen Sofia. Und beim Internationalen Dirigentenwettbewerb Sir Georg Solti schloss er 2006 im Halbfinale.
Wettbewerbe peilt Gaudenz in nächster Zeit aber keine mehr an. Natürlich sei es von Vorteil, wenn einen danach Agenturen unter Vertrag nehmen, wenn man Konzertverpflichtungen und Einladungen aus ganz Europa bekomme. Doch die institutionelle Ausbildung und Förderung hält Simon Gaudenz nicht für das Wichtigste. Er sagt: «Andere Dirigenten zu beobachten hat mir mehr gebracht als jeder Unterricht. Aber zum Dirigenten kann ich mich nur entwickeln, indem ich zu mir selbst finde.» Mehr als das verrät der bei Persönlichem zurückhaltende Gaudenz nicht. Erzählt dafür eine weitere Geschichte. Wie er bei David Zinman lernte, im drit ten Satz von Beethovens fünftem
Klavierkonzert einen heiklen Einsatz richtig zu gehen. «Dort gibt es eine Stelle, wo das Klavier einen chromatischen Lauf hat. Es ist unmöglich zu wissen, wie viele Töne der Solist schon gespielt hat. Zinman sagte mir, ich solle einfach beim eingestrichenen b den Einsatz geben. Das hat seither immer funktioniert.» Solche Tricks sind das eine, Kenntnis der Orchesterinstrumente das andere. Da hilft ihm das Klarinettenstudium. Und seine Ehefrau, die Geigerin ist im Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks. «Wenn ich eine Partitur lerne, frage ich sie fünfzig Mal am Tag», sagt Gaudenz.
Die beiden wohnen heute in München. Letzten Sommer hat Simon Gaudenz auf dem Starnberger See Segeln gelernt. «Beim Segeln fühle ich mich so frei wie in einem langsamen Satz einer Mahlersinfonie », sagt er. Überhaupt gehört Mahler zu Gaudenz' grossen Favoriten. «Man muss sich bei Mahler völlig öffnen, seine Tränen und seine Freude zeigen. Den Panzer auftun. So habe ich meine tiefsten Emotionen gefunden.» Der andere Lieblingskomponist ist, klar, Beethoven. Dessen Ringen um die Form sei für die Arbeit mit einem Orchester das Beste. Ausserdem, so Gaudenz, «spielt jeder gerne Beethoven». Sein dritter Favorit heisst Francis Poulenc. Die Musik des Franzosen begeistert Gaudenz, weil sie abseits von jeder Mode stehe und ganz einfach ehrlich sei.
Simon Gaudenz fungiert im Dirigentenforum des Deutschen Musikrats als «Maestro von morgen». Wo ist er «morgen»? Auch hier gibt er sich bedeckt. Sagt nur: «Schön wäre es, Chef in einem Sinfonieorchester zu sein. Als Chefdirigent kann man den Klang eines Orchesters beeinflussen. Und prägt das Kulturleben einer Stadt.» An ein Opernhaus will er nicht unbedingt gehen, wenn sich aber einmal die Gelegenheit ergäbe, würde er liebend gerne Poulencs «Dialogues des Carmélites» dirigieren.
Benjamin Herzog
Musik & Theater
|